Lenné-Gesellschaft Bonn e.V.
Lenné-Gesellschaft Bonn e.V.

Masterplan Stadtnatur (BMU) kontra                    Ausbau A565 „Tausendfüßler“

von Jost Brökelmann1 und Raimund Gerber2

 

Durch die Befragung der Stadtbevölkerung im Rahmen des Dialogs bonnbewegt (Zusammenfassung siehe Brökelmann3) zeichnen sich folgende Kontroversen ab:


A. Flächenbedarf: Für den Ausbau der Autobahn soll die bestehende versiegelte Fläche von 27.005 qm um zusätzliche(!) 34.250 qm erweitert werden, das sind 127 % mehr als der Ist-Zustand. Das heißt: Das neue Autobahnteilstück zwischen Autobahnkreuz Bonn Nord und Abfahrt Poppelsdorf wird mit neuen Stand- und Fahrspuren sowie Wartungswegen in die Breite wachsen – da die Länge der Autobahn gleich bleibt - und an vielen Stellen mehr als doppelt so breit wie die jetzige Autobahn werden. Dafür müssen Bäume gefällt und Sträucher entfernt werden - die gesamte Tier- und Pflanzenwelt, die jetzt als „grüner Filter“ an der Autobahn dient, wird entfernt und durch Strassen und Stützwände ersetzt. Diese substantielle Zunahme der Versiegelung unter Vernichtung von Grünstreifen geht zu Lasten der Umwelt - nicht nur der angrenzenden Wohngebiete, sondern der gesamten Stadt.


Kontra: Ein solcher Ausbau widerspricht den bundesweiten Empfehlungen des
Bundesministerium für Umwelt (BMU):

  • Der Masterplan Stadtnatur (MP-Stadtnatur) des BMU4 fordert eine Entsiegelung der Städte, nicht eine Versiegelung.
  • Der MP-Stadtnatur fordert Umweltgerechtigkeit, d. h. die Anrainer der Stadtautobahn müssen entschädigt werden; es hilft ihnen nicht, wenn weit außerhalb ihres Wohngebietes kompensatorische Grünflächen geschaffen werden, besonders nicht, wenn sie nicht durch Entsiegelung entstehen.


B. Verschlechterung des Stadtklimas: Wegen des geplanten Ausbaus auf die doppelte Breite, wegen der wesentlichen Erhöhung der Menge des Verkehrs sowie des Wegfalls der jetzigen Geschwindigkeitsbegrenzung sind, gemäß Straßen.NRW, besonders hohe Lärmschutzwände erforderlich (9 bis 12 m hoch), welche wiederum die Ausgleichswindströmungen behindern sowie die Luftzirkulation verschlechtern. Die „heißen Nächte“ in Bonn nehmen schon jetzt zu.5, 6

Es kommt zu einer stetigen Zunahme der Jahresmitteltemperatur in Bonn.7 Die von der Stadt Bonn in Auftrag gegebene Klima-Studie ergab für die Nacht Temperaturunterschiede bis zu 12 Grad Celsius zwischen dem Grundstück „Auf dem Hügel 6“, dem ehemaligen Lenné-Park Endenich, und den angrenzenden Wohngebieten der Weststadt und Endenichs (Abb. 1 und 2). Die geplanten Erweiterungen bedingen eine Verschlechterung des Stadtklimas. Gleichzeitig erhitzt sich der massive Baukörper an den „heißen Tagen“ erheblich (Oberflächentemperaturen von weit über 55 Grad Celsius an den Oberflächen).8 Diese Hitzestrahlung wird an die umgebende Stadt abgegeben. Damit leistet der zukünftige Baukörper einen großen Beitrag dazu, dass sich die Temperaturen in Bonn weiter erhöhen und insbesondere in den normalerweise abkühlenden Nächten die Temperaturen in der Stadt Bonn hoch gehalten werden. Hitzewellen werden also verstärkt werden; diese erhöhen das Sterblichkeitsrisiko von Herzkranken um bis zu 15%.9

 

Abb. 1: Bonn. Temperatur nachts 4 Uhr. Der Lenné-Park im roten Kreis und der Hofgarten
rechts im Bild haben niedrige Temperaturen (blau); in Endenich und besonders der Weststadt
bleiben Temperaturen nachts hoch. Rot = Kreis mit einem Radius von ca. 1 km. Quelle:
Klimaanalyse für die Stadt Bonn, Dipl. Geogr. Cornelia Burmeister.
https://www.bonn.de/medien-global/amt-56/klimaschutz/Klimaanalyse_ZURES.pdf

 

Abb. 2: Ausschnitt Stadtplan Bonn mit Endenich und Weststadt. Rot umrandet der Bezirk 1 km um den Lenné-Park.  (Quelle: Stadtplan Bonn)

 

Die „Ausgleichsflächen“ für die A565-Baumaßnahmen zwischen Kreuz Nord und Endenicher Ei werden gemäß Besuch der Bürgerinitiative bei Strassen.NRW am 22.1.2020 u.a. auf der anderen Rheinseite südlich des Vilicher Baches zwischen Schwarz-Rheindorf und Vilich-Rheindorf auf
sowieso schon naturnahem Gelände geschaffen. Es wird nirgends eine Fläche als Kompensation für die Erweiterung der Autobahn 565 entsiegelt! Die Ausgleichsflächen jenseits des Rhein helfen den Bewohnern diesseits des Rheins überhaupt nicht; letztere sind die Benachteiligten.


Kontra: Die geplante massive Baumaßnahme zur Erweiterung der A565 widerspricht den bundesweiten Empfehlungen des BMU:

  • Die Luftzirkulation soll in der Stadt verbessert werden, u. a. durch Entfernen von Bauten, welche die Luftzirkulation behindern.
  • Das Luftqualität soll durch eine Verminderung des Feinstaubs, der von der Autobahn kommt, verbessert werden und nicht durch Erhöhung dieses Feinstaubs, wie es jetzt in Bonn durch zusätzliche Asphalt-Strecken und höhere Autogeschwindigkeiten geplant ist.
  • Die erhebliche Aufheizung des massiven Baukörpers an „heißen Tagen“ und dessen Abstrahlung trägt zu einer weiteren Temperaturerhöhung mit fatalen Wirkungen in der Stadt bei. Die ist bei der Planung und den Auswirkungen zu berücksichtigen.


C. Gesundheit der Anwohner: Der geplante Ausbau der Autobahn durch Straßen.NRW berücksichtigt nicht den Einfluss, den der Ausbau auf die Gesundheit der Anwohner hat.


Kontra: Der Masterplan Stadtnatur konstatiert (Seite 28): „Die gesundheitsfördernden Wirkungen von städtischem Grün sind erheblich“.
Medizinisch-wissenschaftliche Arbeiten aus jüngster Zeit belegen:

  • Der ehemalige Lenné-Park stellt heute noch eine GRÜNE OASE in einem stark besiedelten Stadtgebiet dar – siehe nächtliche Temperaturen im Stadtgebiet Bonn (Abb.1).
  • Solche GRÜNEN OASEN erhöhen signifikant die Lebensdauer der Bewohner in einem Umkreis von 500 m.10
  • Öffentliche Grün-Räume haben eine messbare Bedeutung für die psychische Gesundheit der Bewohner im Umkreis von 1,6 km.11
  • Die Einrichtung von Umweltzonen, die es mittlerweile in 58 deutschen Städten gibt, hat über die Verbesserung der Luftqualität die Ausgaben der Krankenkassen für Arzneimittel gegen Herz- und Atemwegserkrankungen gesenkt.12


D. Online-Tool für Stadtplanung
Am 17.06.2020 hat das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz von NRW (LANUV) Klimakarten für Bonn ins Internet gestellt.13 Die Entwicklung des neuen Planungs-Tools war ein Kooperationsprojekt zur hitzeangepassten Quartiersplanung in NRW von LANUV, DWD und der Stadt Bonn.


Abb. 3 stellt das bekannte Stadtbild um den „Tausendfüßler“ dar. Der „Tausendfüßler“ ist rot markiert.

 

Abb. 3: Bonn, Areal Endenich/Weststadt bis zum Rhein. W = Weststadt. Grüne Oasen:
a: ehemaliger Lenné-Park, b: Botanische Gärten, c: Botan. Gärten Poppelsdorf, d: Hofgarten,
e: Alter Friedhof.Rot markiert: "Tausendfüßler". Quelle: LANUV

 

Abb. 4: Bonn. Klimakarte nachts 4 Uhr. W = Weststadt. Grüne Oasen: a: ehemaliger Lenné-
Park, b: Botanische Gärten, c: Botan. Gärten Poppelsdorf, d: Hofgarten, e: Alter Friedhof.
Weststadt (W) und Altstadt weisen hohe Nachttemperaturen auf (rot), blau: Grüne Oasen mit
niedrigen Temperaturen. Quelle LANUV

 

Abb. 4 zeigt die Nacht-Temperaturen in dem gleichen Stadtareal um 4 Uhr morgens. Auf dieser Plankarte ist noch ein Grünstreifen an der Autobahn A565 eingezeichnet. Statt des  Grünstreifens sollen jetzt breite Asphaltflächen geschaffen werden. Auch wird deutlich, dass die Bewohner der Weststadt schon jetzt einer über-durchschnittlichen Nacht-Hitze ausgesetzt sind,
die durch den Ausbau der Autobahn noch verstärkt würde.

 

 

Zwischenbilanz
Das Bundesministerium für Umwelt schreibt im Masterplan Stadtnatur:        „9. Wir werden die Vorbildfunktion des Bundes für Stadtnatur ausbauen. Der Bund hat eine besondere Verantwortung, die eigenen Liegenschaften nachhaltig zu entwickeln.“ Daraus folgt:

  • Der Bund sollte jetzt den Bundesautobahnplan für die A565 nachhaltig überdenken.
  • Das Gleiche gilt für das Land NRW, dessen Behörde „Straßen.NRW“ den Ausbau A565 jetzt nachhaltig durchführen sollte.
  • Die Stadt Bonn will eine Vorzeigestadt für nachhaltige Stadtplanung werden und hat einen Masterplan Energiewende und Klimaschutz Bonn14 beschlossen. Gleichzeitig hat sie sich dem Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt“ ( www.kommbio.de ) als „Vorreiter und wichtiger Multiplikator bei der Schaffung von Stadtnatur in Deutschland“ angeschlossen. Anhand der Bonner Klima-Verhältnisse wurde ein Zukunft-weisendes Programm für nachhaltige Stadtplanung in NRW geschaffen.


Vor diesem Hintergrund, insbesondere den Veröffentlichungen über Gesundheitsschäden durch ungünstiges Stadtklima, ist es aus unserer Sicht erforderlich, dass der Bund, das Land NRW und die Stadt Bonn die veralteten Ausbaupläne für die A565 überdenken müssen und jetzt zukunftsgerecht planen. Statt das Stadtklima durch den Ausbau der A565 nach bisheriger
Planung zu verschlechtern, sollte eine Lösung gefunden werden, welche das Stadtklima nachhaltig verbessert.


Alternativvorschlag: Stadtallee statt Betonband - kurz „Allee statt Beton“
Es existieren noch die Grünanlagen am „Tausendfüßler“ A565. Diese sollten erhalten und durch Anpflanzung von Dürre-resistenten Bäumen und Büschen, u.a. Mittelmeerzypressen, „verschönt“
 werden, so dass die Autofahrer den Eindruck bekommen, sie fahren durch eine Gartenstadt. Das wird die Menschen daran erinnern, dass wir uns an die neuen Klimaverhältnisse anpassen müssen, dafür aber auch „gepflegte Natur“ genießen dürfen. Das würde auf eine geplante Geschwindigkeitsbegrenzung auf der A565 in schöner Umgebung hinauslaufen und damit ein Zeichen für eine neue Stadtplanung in Bonn setzen.


Im Rahmen der „Durchgrünung“ der Stadt Bonn sollten - über die Wohngebiete verteilt - GRÜNE OASEN eingerichtet und gepflegt werden, so dass sich die Bewohner überall innerhalb eines Kilometers in einer GRÜNEN OASE erholen können und die Hitze in den Wohngebieten reduziert wird:

 

  • Auf dem Gelände des ehemaligen Lenné-Parks „Auf dem Hügel 6“ sollte der vorhandene Park restauriert, erweitert und der Öffentlichkeit zugängig gemacht werden, was den Bewohnern in der Weststadt und Endenich zugute kommt. Eine weitere Verkleinerung und Versiegelung des Lenné-Parks durch die geplanten Erweiterungsbaumaßnahmen und Nebenanlagen der A565 ist unbedingt zu verhindern.
  • Die vorhandenen GRÜN-OASEN in der Stadt (u. a. die in Abb. 3 und 4 mit "a" bis "e" bezeichneten Oasen) sollten durch lange Öffnungszeiten, einen Park-ähnlichen Ausbau der Wege, Sitzgelegenheiten und Anpflanzung von Dürre-resistenten Bäumen dem Klimawandel angepasst werden.

                                                   Bonn, 06.07.2020

 

                                                                                          

  1. Lenné-Gesellschaft Bonn e. V., Karthäuserstr. 18, 53129 Bonn. https://www.lenne.nrw/
  2. Bürgerinitiative Moratorium Planungen A565, https://www.moratorium-a565.de/
  3. Brökelmann, J. Ergebnisse des Online-Dialogs von bonnbewegt zum Autobahnausbau der A565 und der Bebauung des ehemaligen Lenné-Parks in Endenich. https://www.lenne.nrw/lenn%C3%A9-park-bonnendenich/diskussion-der-verkehrsplanung/
  4. https://www.bmu.de/publikation/masterplan-stadtnatur/
  5. Brandt, K. Vortrag am 17.02.2020 in der Trinitatiskirche Bonn
  6. Stadt Bonn, ZURES, Erläuterungsbericht Stadtklimaanlayse, S. 23
  7. Stadt Bonn, ZURES, Erläuterungsbericht Stadtklimaanlayse, S. 25
  8. R. Gerber: eigene Messungen entsprechender Oberflächentemperaturen
  9. https://www.dwd.de/DE/klimaumwelt/klimawandel/_functions/aktuellemeldungen/150715_hitzetote_klimawandel.html Deutscher Wetterdienst DWD, 15.07.2015
  10. Öffentliches Grün erhöht die Lebenserwartung. Deutsches Ärzteblatt vom 22. November 2019. https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Naturschutz/masterplan_stadtnatur_bf.pdf
  11. Grünflächen in Städten fördern psychisches Wohlbefinden. Deutsches Ärzteblatt 1. August 2019. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/105018/Gruenflaechen-in-Staedten-foerdern-psychisches-Wohlbefinden
  12. Studie: Städtische Umweltzonen senken Ausgaben für Herzmedikamente und Asthmasprays. Deutsches Ärzteblatt 26. Mai 2020. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/Asthma?s=&p=1&n=1
  13. Hilfen für Kommunen: Neues Online-Tool hilft Stadtplanern bei der Anpassung an die Folgen des  Klimawandels. https://www.lanuv.nrw.de/landesamt/veroeffentlichungen/pressemitteilungen/details/2367-hilfen-fuer-kommunen-neues-online-tool-hilft-stadtplanern-bei-der-anpassung-an-die-folgen-des-klimawandels
  14. https://www.bonn.de/medien-global/amt-56/klimaschutz/
    Masterplan_Energiewende_und_Klimaschutz_Bonn.pdf

     
Druckversion Druckversion | Sitemap
©2018 Lenné-Gesellschaft Bonn e.V.